{"id":322,"date":"2015-09-24T10:57:41","date_gmt":"2015-09-24T08:57:41","guid":{"rendered":"http:\/\/rolfniederhauser.com\/?p=322"},"modified":"2024-03-24T13:49:22","modified_gmt":"2024-03-24T12:49:22","slug":"322","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rolfniederhauser.com\/wordpress\/veranstaltungen\/322\/","title":{"rendered":"Zur Physiologie des Imagin\u00e4ren von Stephanie Grob"},"content":{"rendered":"<p><em>Anl\u00e4sslich der Vernissage einer <a href=\"https:\/\/rolfniederhauser.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/09\/plakat_ausstellung_grob_2015.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Ausstellung<\/a>\u00a0der Basler K\u00fcnstlerin <a href=\"http:\/\/www.stephaniegrob.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stephanie Grob<\/a> im Kantonsspital Olten unter dem Titel: \u00bb\u2026DIESES LEBEN\u2026\u00ab am 22. September 2015 versuchte\u00a0Rolf Niederhauser die Besucherinnen und Besucher in ein Zwiegespr\u00e4ch zwischen Malerei und Literatur zu entf\u00fchren, ein Ping-Pong zwischen Bild und Sprache, dessen Verlauf\u00a0Sie\u00a0hier mitverfolgen k\u00f6nnen:<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Meine Damen und Herren,<\/p>\n<p>hoffentlich geh\u00f6ren Sie nicht zu den Menschen, die mit Schweissausbr\u00fcchen, Atemnot oder auch nur mit einer stillen Beklemmung ringen m\u00fcssen, wenn Sie ein Spital betreten. Falls doch, freut es uns allerdings umso mehr, dass Sie hier sind, denn Frau von Arx, Frau Meier und Herr Eisner organisieren diese Ausstellungsreihe im Kantonsspital sicher nicht zuletzt mit dem Bed\u00fcrfnis, durch beschauliches Gestalten dieser R\u00e4ume Schwellenangst und Unbehagen zu mindern. Auch wer nicht an Krankenhausphobie leidet, wird deren Symptome ja nicht ganz unverst\u00e4ndlich finden: Spit\u00e4ler haben etwas Unheimliches, da wird gestochen und gespritzt, sondiert, ger\u00f6ntgt, geschnitten, ges\u00e4gt, amputiert oder implantiert, und obschon das alles einem guten Zweck dient, geht es ans Lebendige, kein Zweifel, der Spitalbetrieb geht unter die Haut.<\/p>\n<p>Ja, und Bilder gehen auch unter die Haut, k\u00f6nnte ich jetzt sagen, um Ort und Gegenstand unserer Zusammenkunft elegant zu verbinden. Bis zu einem gewis\u00adsen Grad d\u00fcrfte ich dabei sicher auf ihre Zustimmung hoffen. Aber die Parallele w\u00e4re zu billig, wenn nicht gar ein wenig respektlos: schliesslich ist es nicht egal, ob etwas nur bildlich gesprochen unter die Haut geht oder eben buchst\u00e4blich \u2013 und dies, gerade <em>weil<\/em>\u00a0\u00c4rzte, im Gegensatz etwa zu Schriftstellern, nicht mit Buch\u00adstaben operieren.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die umgekehrte Behauptung vielleicht sogar plausibler erscheint. Denn von einem konventionellen Standpunkt aus gesehen, sind Bilder in erster Linie etwas Beschauliches. Und das gilt sogar f\u00fcr die Malerei von <a href=\"http:\/\/www.stephaniegrob.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Stephanie Grob<\/a>, obschon Beschaulichkeit im landl\u00e4ufigen Sinn gewiss nicht das Erste ist, was sie anstrebt. Auf diesem landl\u00e4ufigen Sinn brauchen wir allerdings nicht zu beharren. Beschaulich ist, was zum Beschauen einl\u00e4dt. Oder auffordert? Nein, die Art, wie etwa der Arzt aufgefordert ist, eine Wunde zu beschauen, geht \u00fcber das Beschauliche entschieden hinaus. Eine Aufforderung erwartet ein Urteil. Und auch wenn von den hier gezeigten Bildern eine solche Aufforderung ausgehen mag, sind sie doch beschaulich in dem Sinn, dass sie uns die Freiheit lassen, damit zu machen, was uns gef\u00e4llt oder entspricht. Das Beschauliche erlaubt uns, diskret Abstand zu wahren.<\/p>\n<p>Was es mit diesem \u00bbWahren\u00ab f\u00fcr eine Bewandtnis hat, werden wir noch sehen. Jedenfalls geht das Beschauliche gerade <em>nicht<\/em> unter die Haut, oder nur in dem Mass, in dem wir uns darauf einlassen. Was nicht ausschliesst, dass wir aus intimer Distanz umso tiefer in das eindringen k\u00f6nnen, was sich da zeigt. Und dass es Stephanie Grob auf eben diese Tiefe abgesehen hat, das ist ihren Bildern auf den ersten Blick anzusehen. Ja, mir scheint sogar, wie sehr sie sich in Motiv und Technik unterscheiden, gemeinsam ist ihnen, dass sie R\u00e4ume er\u00f6ffnen, durchzogen von Farben, Formen, Figuren, die in ihrer schemenhaften Vielge\u00adstaltigkeit alle nur dazu da sind, auf eben diesen Raum zu verweisen, den sie einnehmen und ausf\u00fcllen.<\/p>\n<p>Aber: Raum \u2013 was ist das eigentlich? Eine abgr\u00fcndige Frage. Nehmen Sie irgendeinen Gegenstand im Raum, zum Beispiel den Stuhl auf dem Sie sitzen, und denken Sie sich einmal alles weg, was wir sinnlich davon wahrnehmen k\u00f6nnen. Stellen Sie sich vor, die Lehne gibt kein Ger\u00e4usch von sich, wenn Sie drauf klopfen, und das Holz keinen Geruch. Auch die Farbe denken wir uns weg, ebenso jede Oberfl\u00e4che, in der das Licht sich spiegelt. Damit ist er voll\u00adkommen durchsichtig geworden, und wenn Sie danach fassen, empfinden Sie keine H\u00e4rte, keinen Widerstand, kurz: der Stuhl ist unter der Hand und vor Ihren Augen verschwunden. Was bleibt? Nun ja, der Raum, den er eingenommen und ausgef\u00fcllt hat in den Umrissen seiner Gestalt. Die Gestalt geh\u00f6rt zum Stuhl nicht weniger als seine H\u00e4rte, Farbe, und so weiter, aber als solche, als leere, k\u00f6nnen wir sie nicht wahrnehmen. Den Raum als solchen k\u00f6nnen wir nicht wahr\u00adneh\u00admen, weil er das Nichts ist, in dem die Gegenst\u00e4nde Platz nehmen.<\/p>\n<p>Eben dadurch ist er aber die Voraussetzung daf\u00fcr, dass es \u00fcberhaupt Gegen\u00adst\u00e4nde geben kann \u2013 Dinge, Gestalten, K\u00f6rper, Felder \u2013 deren reales Vorhanden\u00adsein wir erfahren und \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen. Denn eine Sache <em>erfahren<\/em>, heisst etwas ins Spiel bringen, das ausserhalb der <em>Einbildung<\/em> liegt. Und eben dieses Ausserhalb setzt Raum voraus.<\/p>\n<p>Das heisst allerdings, dass wir zun\u00e4chst und zumeist in der Einbildung leben; pathologisch gesprochen, in Halluzinationen, malerisch ausgedr\u00fcckt: in Bildern. Nur konkrete Erfahrungen lassen uns die Einbildung als solche erkennen. Raum ist somit unsere F\u00e4higkeit, zu den Bildern auf Distanz zu gehen. Und dass er eben deshalb in jeder Erfahrung vorausgesetzt ist, darf man keinesfalls so ver\u00adste\u00adhen, als sei diese Voraussetzung uns Menschen angeboren, also\u00a0immer und \u00fcberall zum Vornherein gegeben. Zahllose Schwierigkeiten des Alltags zeugen davon, dass wir alle zun\u00e4chst und zumeist in Halluzinationen leben.<\/p>\n<p>Und eigentlich wissen wir das sp\u00e4testens seit Immanuel Kant, also seit \u00fcber 200 Jahren. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass etwa die Naturwissenschaft dieser Einsicht hinreichend Rechnung tr\u00e4gt. Dabei ist die Naturwissenschaft entscheidend, auch f\u00fcr die Medizin \u2013 erst recht, seit nicht nur die Chirurgie, sondern auch die Diagnostik ohne High-Tech kaum mehr auskommt. Und Raum als F\u00e4higkeit, zu den Bildern auf Distanz zu gehen: das gilt auch f\u00fcr die Bilder, die uns die Naturwissenschaft liefert, etwa durch die \u00bbbildgebenden Verfahren\u00ab der Hirnforschung, die zeigen will, wie Wahrnehmung, Denken und Erfahrung \u00bbobjektiv\u00ab funktionieren. Die Gefahr, dass wir wissenschaftliche Objektivit\u00e4t verabsolutieren, hat mit der Verabsolutierung des Raums zu tun, die allerdings sehr verst\u00e4ndlich ist.<\/p>\n<p>Weil Raum sich nicht erfahren l\u00e4sst, hat er selber etwas Imagin\u00e4res. Er ist nicht viel mehr als eine Idee \u2013 oder genauer: er ist die Idee der Nicht-Idee, die Kant die \u00bbreine Anschauung\u00ab nennt.\u00a0Warum haben wir trotzdem das Gef\u00fchl, wir k\u00f6nnten den Raum, der uns umgibt, doch auf Schritt und Tritt erleben, ihn sozusagen mit H\u00e4nden greifen? Die Antwort liegt auf der Hand: weil wir die R\u00e4umlichkeit am eigenen Leib erfahren. Dass\u00a0K\u00f6rperlichkeit ohne Raum gar nicht denkbar ist, verf\u00fchrt uns dazu, die Erfahrung des <em>eigenen<\/em> K\u00f6rpers f\u00fcr die Erfahrung des Raums zu halten, den er einnimmt, und diesen als\u00a0unser \u00bbInnen\u00ab zu empfinden. \u00a0Die Erfahrung\u00a0des\u00a0K\u00f6rpers, den wir\u00a0<em>haben<\/em>, verf\u00fchrt uns zur Vorstellung, dieser K\u00f6rper zu\u00a0<em>sein.<\/em>\u00a0Wir identifizieren uns mit ihm aufgrund\u00a0des Eindrucks, <em>aus<\/em> diesem K\u00f6rper in die Welt hinaus zu\u00a0blicken.<\/p>\n<p>Dabei ist auch \u00bbder K\u00f6rper\u00ab zun\u00e4chst nur eine Idee, eine Vorstellung, ein Bild. Und so wird der eigene K\u00f6rper in Fitness-Studios, Sch\u00f6nheits-Salons, Tattoo-Boutiquen und Yoga-Zentren als Produkt der Einbildungskraft geformt \u2013 bis uns zum Beispiel ein Spitalbesuch daran erinnert, dass wir kein Design-Gegenstand sind, sondern etwas Lebendiges, das heisst letztlich: etwas Unfass\u00adliches. Denn auch wenn die f\u00fcnf Sinne, mit denen der K\u00f6rper mich ausstattet, mir fortw\u00e4hrend alles M\u00f6gliche pr\u00e4sentieren, was das Leben mir abverlangt, zumutet oder bietet: ob es wirklich das ist, was ich mir jeweils einbilde, steht auf einem anderen Blatt.<\/p>\n<p>Damit sehe ich mich einem Leben ausgesetzt, das durch Ungewissheit gepr\u00e4gt ist. Und <em>dieses Leben<\/em> \u2013 so meint es auch der Titel unserer Ausstellung: \u2026dieses Leben\u2026 \u2013 ist der Inbegriff des Unfassbaren: das Unfassbare des Unfassbaren \u00fcberhaupt. Denn nichts ist ja weniger selbstverst\u00e4ndlich, als dass wir imstand sind, Unfassbares als solches zu erfassen. Oder Unerkennbares als solches zu erkennen.<\/p>\n<p>Eben dadurch aber wird der Raum, den der <em>eigene K\u00f6rper<\/em> einnimmt, zum Abgrund eines dunklen Innen, das uns mit Ungewissheit konfrontiert, aber auch mit M\u00f6glichkeiten, indem es uns erlaubt, Abstand zu wahren, die Dinge von verschiedenen Seiten zu sehen. Das Wahren des Abstands ist die Voraussetzung daf\u00fcr, Wahres von Unwahrem, M\u00f6gliches von Wirklichem und dieses von Unwirklichem zu unterscheiden. Und so wird die Idee des Raums zu einer Haltung: Raum ist das, was wir einnehmen und aushalten m\u00fcssen und k\u00f6nnen genau in dem Mass, in dem wir die Kraft haben, Erfahrungen zu machen.<\/p>\n<p>Damit scheint mir nun aber nicht nur das Wesen des Raums, sondern auch das der Malerei von Stephanie Grob erschlossen. Sie ist zwar nicht die einzige, die das Wunder vollbringt, aus der Oberfl\u00e4che einer Leinwand vor unseren Augen einen Raum hervorzuzaubern, einen <em>vollkommen<\/em> imagin\u00e4ren Raum. Im Gegen\u00adsatz zu vielen Ihrer Kolleginnen und Kollegen f\u00fcllt sie diesen aber nicht so sehr mit den Gestalten ihrer Imagination, vielmehr scheint sie ihn durch k\u00f6rperliche Empfindungen und Regungen ergr\u00fcnden zu wollen.<\/p>\n<p>Wie die schlanke Springerin, der sie eine ganze Serie von Bildern gewidmet hat, taucht sie in diesen Raum ein, um seine Weite zu erkunden, seine Tiefe zu durchdringen, durchaus im Wissen, dass es ihre eigene ist. Das k\u00f6nnen Sie etwa daraus ersehen, dass der K\u00f6rper der Springerin immer in der Farbe des Mediums gehalten ist, dem sie sich hingibt \u2013 oder im Sprung sogleich hingeben wird \u2013 so wie sich die K\u00fcnstlerin den Bewegungen ihrer arbeitenden H\u00e4nde hingibt, w\u00e4hrend sie mit wachen Sinnen die Erfahrung einer traumhaften K\u00f6rperlichkeit festh\u00e4lt, in deren Umrissen sich der leere Raum als Wagnis abzeichnet: im Wagnis des Sprungs.<\/p>\n<p>Was Stephanie Grob an einem solchen Motiv zum Malen bewegt, ist das Bestreben, sinnliche Wahrnehmungen nicht nur bildlich, sondern physisch umzusetzen, ihnen Raum zu verschaffen, der aber imagin\u00e4r bleiben <em>muss<\/em>. Denn was in solchen R\u00e4umen zum Ausdruck kommt, ist ein Sensorium, das im Alltag brachliegt. So k\u00f6nnen wir zumindest das Motiv deuten, dass im Zentrum einer anderen Serie von ihr steht: eine Pflanze, die sie vorwiegend auf Brachen, also zeitweilig ungenutzten Feldern entdeckt hat. Deren Name, <em>Dipsacus fullonium,<\/em> erz\u00e4hlt davon, dass ihre Bl\u00e4tter so fest verwachsen, dass die Pflanze darin Regenwasser sammeln, also Gef\u00e4sse bilden kann, mit deren Hilfe sie ihren Durst \u2013 griechisch \u00bbdipsa\u00ab \u2013 l\u00f6scht. Auf deutsch wird sie die <em>Wilde Karde,<\/em> aber auch Walker- oder Weberdistel genannt, weil die getrockneten Bl\u00fctenk\u00f6pfe zum Walken, K\u00e4mmen und B\u00fcrsten von frischem Gewebe verwendet wurden. Und wenn es stimmt, was ich darin sehe, hat die K\u00fcnstlerin in diesem Motiv ein Bild f\u00fcr die Motivation ihrer Malerei \u00fcberhaupt gefunden, so wie Diego Vel\u00e1zquez in seinen Hoffr\u00e4ulein ein Motiv daf\u00fcr fand, die Kunst der Repr\u00e4sentation als solche zu repr\u00e4sentieren.<\/p>\n<p>Stephanie Grobs Motivation zu malen ist allerdings nicht die Repr\u00e4sentation der Dinge, eher w\u00fcrde ich ihr Projekt als <em>Physiologie des Imagin\u00e4ren<\/em> bezeich\u00adnen. Deren wesentlicher Aspekt besteht darin, dass Bilder <em>buchst\u00e4blich<\/em> <em>bildlich <\/em>unter die Haut gehen. Denn Physiologie, hergeleitet von Physis und Logos, l\u00e4sst sich mit Heidegger \u00fcbersetzen als Sprache dessen, was von sich her aufgeht und sich entfaltet.<\/p>\n<p>Wie eine Physiotherapeutin, die sich durch Bereiche von Muskeln und Fasern, die sie benennen und in den Griff bekommen kann, in Regionen des schwer Fassbaren vortastet, in Myofibrillen und Sarkomere, ins Diffizile der Faszien zwischen Epimysium und Perimysium, um ein erstarrtes Gewebe zu beleben, so arbeitet sich Stephanie Grob durch die Anatomie des Vorstellbaren in immer feinere Zwischenr\u00e4ume sinnlicher Wahrnehmungen vor, die im Alltag kaum Beachtung finden, aber im Moment eines unmerklichen Schreckens oder eines schockartig verdr\u00e4ngten Gl\u00fccks, das zu gross gewesen w\u00e4re, um wahr sein zu d\u00fcrfen, vielleicht erstarrt sind wie Muskeln, um den normalen Lauf der Dinge zu stabilisieren, so dass sie nun brachliegen. Und wie einst die Weberinnen nutzt Stephanie Grob etwa den Bl\u00fctenkopf einer <em>Wilden Karde<\/em>, um diese Sensorien zu durchk\u00e4mmen und neu zu beleben. Dabei l\u00e4sst die robuste Unscheinbarkeit dieser Pflanze imagin\u00e4re Landschaften aus sich hervorwachsen, in denen sich die K\u00fcnstlerin in immer tiefere Schichten vorwagt.<\/p>\n<p>Auch das umgekehrte Vorgehen ist denkbar. Ausgehend von einer bemalten Leinwand, \u00fcberklebt sie das Bild mit d\u00fcnnem Papier, um im n\u00e4chsten Arbeits\u00adgang daraus Formen und Figuren auszuschneiden, die darunter liegen und nun in einer neuen Umgebung zum Vorschein kommen. So gewinnt sie Raum durch ein Verfahren, das an die Geologie erinnert. Tats\u00e4chlich fasziniert sie die Geologie, die Landschaften \u2013 die malerische Oberfl\u00e4chengestalt der Erde \u2013 freilegt, um in nicht weniger malerische Tiefen des Erdk\u00f6rpers vorzudringen. Der K\u00f6rper als tektonisches Gebilde von Bildern, die alle \u00fcbereinanderliegen, so dass jedes Bild ein anderes unter sich verbirgt und alle aufeinander verweisen: auch das ist eine Technik, Abstand zu den Bildern zu wahren, um sie immer wieder anders zu sehen.<\/p>\n<p>Dazu ein Exkurs: bei meinem letzten Besuch in Stephanies Atelier redeten wir zuerst nicht \u00fcber das, was uns verbindet, ihre Malerei und meine Schreiberei, sondern ihre Arbeit als Lehrerin. Nicht etwa Zeichnungslehrerin, sondern Klassenlehrerin an einer Basler Schule, in der die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler einen sogenannten Migrationshinter\u00adgrund hat. Dabei schilderte sie Szenen von jugendlicher Gewalt, physischer wie psychischer, aufgeladen durch sexistische, rassistische und nationalistische Vorurteile und eingepfercht in einen Schulbetrieb, dessen Idealvorstellung des selbstgesteuerten Lernens sich von der Realit\u00e4t dieser unb\u00e4ndigen Kr\u00e4fte immer weiter entfernt, so dass die Lehrerin nicht selten zwischen allen Fronten auf verlorenem Posten steht. Und beim Betrachten ihrer Bilder f\u00e4llt es nicht schwer, die Turbulenzen, denen sie da standhalten muss, die heftigen Gef\u00fchle, die sie in Schranken halten, die aufw\u00fchlenden Geschichten, denen sie Geh\u00f6r schenken muss, in den Grundz\u00fcgen ihrer Malerei wiederzufinden. Nicht in den Motiven zwar, aber in der Motivation, diese Energien, die sie b\u00e4ndigen und also <em>auf sich nehmen<\/em> muss, im Atelier daf\u00fcr zu nutzen, allem M\u00f6glichen Raum zu geben, was im gesellschaftlichen Umfeld keinen Platz findet.<\/p>\n<p>Das soll nun aber nicht dazu verleiten, ihre Bilder als Resultat einer unmittel\u00adbaren Wirkung solcher Kr\u00e4fte zu sehen, die von der K\u00fcnstlerin im Alltag resor\u00adbiert, in Bildr\u00e4ume umgeleitet und in eine \u00e4sthetische Ordnung gef\u00fcgt werden. <em>Action Painting<\/em> ist nicht Stephanie Grobs Sache. Sie sucht nicht Unmittelbar\u00adkeit, sondern Abstand. Aber nicht Abstand von den Dingen, die sie bedr\u00e4ngen, im Gegenteil. Sie versucht Distanz zu den Bildern zu wahren, um den Dingen selbst n\u00e4her zu kommen. Denn die Dinge sind innen. In jenem dunklen Innen, aus dem heraus wir uns von blendenden Bildern umzingelt sehen.<\/p>\n<p>Dazu ein Beispiel. In der letzten Ausstellung von Stephanie Grob fiel mir ein Bild auf, das mir auf den ersten Blick ein Boot zeigte. In weissen Umrissen pr\u00e4sentierte es sich durchsichtig vor einem Hintergrund, den ich als Landschaft empfand: Wasser, Wellen, Wirbel, luftige Spiegelbilder einer nahen Umgebung, dahinter etwas wie Horizont oder Gew\u00f6lk. Schwer zu sagen, ob der Kahn aus den Wellen ragte oder am Ufer stand, zu sehen war nur der spitze Kiel. Und was mich besch\u00e4ftigte, sodass ich seither oft den Wunsch hatte, mir das Bild einmal genauer anzusehen, war die Frage, wie ich \u00fcberhaupt darauf kam, ein Boot zu erkennen. Denn es war nicht nur zu breit, eher Nussschale als Kajak, vor allem sah ich faktisch nur drei geschwungene Pinselstriche, die in einem Punkt zusammenliefen, w\u00e4hrend die \u00bbBootsw\u00e4nde\u00ab durchsichtig schienen, wie gesagt. Was ich sah, war eine skizzenhafte Kontur, die an den Bug eines Kahns erinnerte, der freilich auf der Stelle abgesoffen w\u00e4re, weil nichts das Wasser davon abhielt, ins Innere zu dringen. Und doch sah ich ein Boot, oder genauer: die Idee eines Boots, die sich vor einem schwer definierbaren Hintergrund ab\u00adzeichnete. Und indem mein Blick viele Elemente dieses Hintergrunds entspre\u00adchend deutete \u2013 Ufer, Wirbel, Geb\u00fcsch oder Gew\u00f6lk \u2013, warf die Idee des Boots sozusagen Wellen, die weit \u00fcber dessen Rand hinaus die ganze Umgebung durchzogen und formten.<\/p>\n<p>Leider k\u00f6nnen Sie das Bild in dieser Ausstellung nicht sehen, denn es existiert nur in meiner Einbildung. Als ich Stephanie k\u00fcrzlich bat, mir das Bild wieder zu zeigen, war ich zutiefst irritiert. Denn sie versicherte mir, dass erstens kein ande\u00adres Bild existiere, auf das meine Beschreibung passe, und zweitens in jener Ausstellung genau an der Stelle, die ich ihr bezeichnete, eben dieses Bild hing, das sie mir zeigte: ein vollkommen anderes Bild.<\/p>\n<p>Erst nach und nach erkannte ich mein Bild wieder, obschon die Umrisse des \u00bbBoots\u00ab nicht weiss waren, wie ich gemeint hatte, sondern blau. Daf\u00fcr hatte ich anstelle des relativ hellen Hintergrunds dunkle Gr\u00fcn-T\u00f6ne in Erinnerung, wie sie sich in einer andern Serie aus jener Zeit finden. Deren Motiv war der Burg\u00e4schisee, den ich gut kenne. Deshalb hatten wir \u00fcber jene Bilder gespro\u00adchen, und sp\u00e4ter hatten sie sich offenbar nicht nur farblich mit diesem vermischt, sondern auch sprachlich darauf abgef\u00e4rbt. Denn zum Burg\u00e4schisee geh\u00f6ren Boote, die auf jenen Bildern aber fehlten. Daf\u00fcr glaubte ich in diesem umso deutlicher ein solches zu erkennen.<\/p>\n<p>Unmittelbar nach der Ausstellung sprach ich dann allerdings mit meiner Frau dar\u00fcber. Dabei zeigte sich, dass sie schon da ein ganz anderes Bild gesehen hatte als ich: kein Boot, eher ein Gef\u00e4ss, eine gl\u00e4serne Schale vielleicht. So oder so schien mir aber klar, warum mich das Bild faszinierte. Es zeigte eindr\u00fccklich, wie ich fand, was mich damals in meiner eigenen Arbeit besch\u00e4ftigte: die Rolle der Sprache in der menschlichen, also bewussten Wahrnehmung.<\/p>\n<p>In der Regel haben wir ja den Eindruck, dass wir erstens Dinge, die uns bewusst sind, benennen m\u00fcssen, um zweitens in Worte fassen zu k\u00f6nnen, was uns umtreibt. Bei genauem Hinsehen spricht indes vieles daf\u00fcr, dass die Worte eben dabei jene imagin\u00e4ren Gef\u00e4sse bilden, die wir Ideen nennen, und die wie jene F\u00f6rmchen, mit denen Kinder im Sandkasten spielen, bestimmte Dinge erfassen, um sie hervorzubringen. Wenn dem aber so ist, werden uns die Dinge \u00fcberhaupt nur dadurch bewusst, dass wir sie zur Sprache bringen m\u00fcssen. Und dabei werden sie ausschliesslich von ihren unscharfen Konturen her erfasst, n\u00e4mlich aus dem Kontext, in den die Sprache die Sache bettet. Fotografisch gesprochen: die Worte bilden das Negativ der Sache, die wir umschreiben, benennen und besprechen wollen. Erzeugt also die Sprache das Nichts, in dem die Dinge Platz nehmen?<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund dieser Frage sah ich die drei Pinselstriche auf der Leinwand spontan als Hieroglyphe: als ein Sprachzeichen, das \u00bbBoot\u00ab bedeutete und damit augenblicklich viele Elemente und Aspekte des Bilds assoziativ dieser Deutung unterwarf. Und eben dadurch schien es mir anschaulich zu zeigen, wie Sprache funktioniert, wie wenig es braucht, um den Mechanismus auszul\u00f6sen, der uns erkennen l\u00e4sst, was wir zu erkennen glauben.<\/p>\n<p>Nach allem muss ich allerdings zugeben, dass mir das Bild vor allem vor Augen f\u00fchrt, wie mein Blick ihm auf den Leim gegangen ist. Und nun klebt er auf dem Bild, mein Blick, und das Bild zeigt mir mein eigenes Sehen. Genau das tun die Bilder von Stephanie Grob aber systematisch. Denn ihre <em>Physiologie des Imagin\u00e4ren<\/em> will nicht Vorstellungen als solche zur Darstellung bringen, weder Imaginationen noch Repr\u00e4sentationen, vielmehr l\u00e4sst sie das Imagin\u00e4re selbst, die Einbildungskraft, von sich aus zum Vorschein und zur Sprache kommen. Technologisch gespro\u00adchen: sie ist kein \u00bbbildgebendes Verfahren\u00ab, eher ein bildnehmendes, das Bilder hervorbringt, um sie uns sogleich wieder zu entziehen, sie sozusagen in ihren eigenen Hintergrund zu r\u00fccken. Und indem sie uns n\u00f6tigen, von allem, was wir auf den ersten Blick sehen, Abstand zu nehmen, verf\u00fchren diese Bilder zu einer Beschaulichkeit, die in Tiefen f\u00fchrt, auf deren Grund sich das eigene Sehen abzeichnet.<\/p>\n<p>Das Sehen sehen, englisch sightseeing, oder besser, das Sehen schauen: das erinnert mich an eine Sightseeing-Tour, an der ich vor vielen Jahren in London teilnahm. Im zweiten Stock eines Buses ohne Verdeck unterwegs, schauten wir hinab auf den Verkehr, w\u00e4hrend die Reiseleiterin mit Megaphon die Sehensw\u00fcrdigkeiten kommentierte, bis eine der Touristinnen ihr zurief: \u00bbRegardez, Madame, un anglais!\u00ab Mitten im London der Siebziger Jahre hatte die Dame aus der franz\u00f6sischen Provinz zu ihrem gr\u00f6ssten Erstaunen einen Engl\u00e4nder entdeckt, n\u00e4mlich einen, wie sie ihn aus den Bilderb\u00fcchern ihrer Kindheit kannte, mit Schirm, Crombie Coat und Melone bei einer Ampel am Strassenrand wartend. Sie war entz\u00fcckt endlich das Bild zu sehen, das ihre Erwartung in vollem Umfang befriedigte. So kann das Sehen zum Gegenteil von Schauen werden. Das Sehen des Sehens aber setzt Irritation voraus.<\/p>\n<p>In diesem Sinn w\u00fcnsche ich Ihnen ein beschauliches Sightseeing mit den Bildern von Stephanie Grob, und sollten Sie dabei <a href=\"http:\/\/www.stephaniegrob.ch\/3401086\/partitur-und-figur\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">mein Bild entdecken<\/a>, werden Sie zurecht den Kopf dar\u00fcber sch\u00fctteln, was ich darin gesehen habe \u2013 gut so, sehen Sie zu, dass sie besser schauen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anl\u00e4sslich der Vernissage einer Ausstellung\u00a0der Basler K\u00fcnstlerin Stephanie Grob im Kantonsspital Olten unter dem Titel: \u00bb\u2026DIESES LEBEN\u2026\u00ab am 22. 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